Peter Alexander Christerer Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei.

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Humanum est peccare, sed perserverare diabolicum.
Sündigen ist menschlich, aber im Irrtum zu verharren ist teuflisch.

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So bin ich und warum das so ist.
Sind es die Gene? Ist es von Geburt an vorbestimmt? Hat der big chief ganz oben seine Hände im Spiel? Oder ist es einfach Kismet, warum ich so bin wie ich bin?
Warum handle ich manchmal so und manchmal so? Was ist für mich der Sinn meines Lebens? Welche Auswirkungen hat das Alter auf mein Wesen? Warum "seltsame" Spontanentscheidungen?
Ich werde nicht auf fragwürdige Theorien von Verhaltensforschern, Philosophen, Wahrsagern und sonstigen Kaffeesatzlesern eingehen. Was für andere zählen mag, zählt noch lange nicht für mich.
Denn ICH bin ICH und ICH finde es gut, so wie es ist.

Als ich im April 1960 begann, die Welt mit meinem Besuch zu beglücken, war ich bei der Geburt bestimmt das hübscheste und allerliebste Wesen im Universum. Zumindest meiner Erinnerung nach. Wie ich mich bis zu meinem 11. Lebensjahr entwickelte und welche Charaktereigenschaften ich an den Tag legte, das kann -wenn überhaupt, als einzig verbliebener naher Angehöriger aus dieser Zeit- mein Bruder Otto beantworten. Doch ich glaube ganz entschieden, wir hätten eine völlig unterschiedliche Interpretation meiner damaligen Charaktereigenschaften.

Oft heißt es: Ganz die Oma/Opa. Natürlich stimmt es, dass Eigenschaften über Generationen weitergegeben werden, doch ob es wirklich Einfluss auf das soziale Verhalten eines Menschen hat, da bin ich mir nicht sicher. Die Natur -auch wenn wir Menschen denken, wir hätten sie im Griff- gibt in der Evolution immer nur die Eigenschaften weiter, die nützlich waren und eine Änderung dauert ewig. Ich hatte mal einen Bericht gesehen, warum immer noch -ALLE Menschen- Gene von Neandertalern mit sich rumschleppen. Mittlerweile dürfte der Prozentsatz des Anteils etwas geschrumpft sein. So wirklich wichtig ist es für den überwiegenden Teil der Menschen nicht mehr, zu wissen wie man ein Mammut erlegt.

Dass der Mensch nicht unbedingt das sanfteste aller Tiere ist, zeigt schon die Geschichte in der Bibel wie im Koran, wonach der erste von Mensch gezeugte Mensch ein Mörder war: Kain wo ist dein Bruder Abel? Allerdings bin ich der Meinung, dass es bei den Menschen, friedlichere und weniger friedliche Typen wie halt bei den Affen auch gibt. Mich möchte ich eher zu den friedfertigen, ängstlichen Menschen zählen. Doch im Laufe meines Lebens musste ich öfters feststellen, dass diese Friedfertigkeit nicht unbedingt vorteilhaft für meine Lebensqualität ist.
Auch das ist sicher den Umständen geschuldet, in welchen man aufwächst. Dabei können sich selbst innerhalb einer Familie große Unterschiede entwickeln. Da ich nur für mich sprechen kann, vermute ich, dass der erste große Einschnitt einer Wesensänderung nach dem Tod meines Bruders Ludwig „Wiggerl“ Christerer erfolgte.

Als knapp 11-jähriger wurde ich unter die Fittiche von 14-16-jährigen Jungs genommen, die dabei waren, sich einen Ruf als üble Raufbolde zu erkämpfen. Das Freizeitheim Fürstenried war zu dieser Zeit eine üble Spelunke und es gab häufig Auseinandersetzungen mit Gangs aus anderen Stadtteilen, wie den Blumenauern, Pasingern, Valley… Öfters wurde ich vorgeschickt, einen Streit zu provozieren, um dann Unterstützung von den „großen“ Jungs zu erhalten. Jedenfalls stellte ich dabei fest, dass Gewalt durchaus ein Mittel sein kann, um Konflikte zu entscheiden.
Erschwerend für meine Entwicklung kam der Verlust meiner Mutter am 28.12.1972 hinzu. Es war ein Vertrauensbruch vom Allerfeinsten! Alle Welt versicherte mir, dass Mutti an Weihnachten aber spätestens an Sylvester wieder zuhause sein und wir feiern würden. Leider verstarb sie und in mir fehlte fortan die Begabung wirklich zu vertrauen.

Die schulische Entwicklung war nach den traumatischen Ereignissen und dem Umgang, den ich pflegte, nicht unbedingt das Herausragendste. Das war für mich aber relativ unerheblich, denn seit frühester Kindheit war für mich klar, dass ich Metzger wie mein Vater werden wollte. So kam es dann auch, doch leider entwickelte es sich ein sehr spannungsgeladenes Verhältnis zu meinem Vater. Mittlerweile war ein großer Teil meiner „Beschützer“ zu Kriminellen geworden und auch wenn ich selbst bei den schweren Straftaten wie Drogenhandel, schwere Körperverletzung, Raub etc. nie selbst tätig war, war ich doch meistens eingeweiht. Natürlich wirkte sich das auch auf das Verhältnis zu meinem Vater, einem grundsoliden Mann mit festen Werten, sehr nachteilig aus. Zudem war ich nächtens unterwegs, was nicht von Vorteil ist, wenn man früh aufstehen muss, um seine Lehre zu bestehen. Dementsprechend sauer war mein Lehrmeister und Vater, was nicht zur Entlastung der Spannungen beitrug.
Ende des zweiten oder Anfang des dritten Lehrjahres führte mein unsteter Lebenswandel zu einer Katastrophe. Infolge meiner Übernächtigkeit war ich zu faul die Messer zu schärfen und wollte mit Gewalt einen Knorpel durchtrennen. Funktionierte nicht und das Messer bohrte sich bis zum Anschlag in den Oberschenkel. Aufgrund des enormen Blutverlustes brach mein Kreislauf vollständig zusammen und es erfolgte die erste Wiederbelebung im Notarztwagen. Anschließend lernte ich kennen, was Ärztepfusch bedeutet und vertrete noch heute die Meinung, dass mir im Krankenhaus mein Vater das Leben rettete. Mit der Folge, dass ich insgesamt mehr als 11 Stunden operiert wurde. Fazit für mich war: Traue auch den Halbgöttern in Weiß nicht, denn oft wissen sie nicht, was sie tun. So etwas prägt -zumindest bei mir- den weiteren Lebenslauf.

Nach der Lehre wechselte ich zu der Firma Tengelmann, dann als Bierfahrer (ich wollte Geld verdienen) um dann meine 15 Monate Wehrdienst abzuleisten. Dort erfuhr ich was Disziplin und Befehl und Gehorsam bedeutet. Zwar war es für die Vorgesetzten nicht so erfolgreich, denn 17 Strafbereitschaften jeweils über eine Woche in 13,5 Monaten könnte heute noch einen Negativrekord darstellen. In erster Linie perfektionierte ich jedoch eines: Tarnen und Täuschen, manche würden es auch Lügen nennen. Würde ich für jede Schummelei gegenüber einem Vorgesetzten einen Euro bekommen, würden mich die derzeitigen Börsenverluste in keinster Weise stören. Selbst wenn es vielleicht nicht die beste Charaktereigenschaft ist, bei meiner späteren Tätigkeit ab Mai 1984 waren diese erworbenen Fähigkeiten von Vorteil.
Doch bevor ich zum BND wechselte, ging ich nach der Bundeswehr zurück zur Brauerei, nun als LKW-Fahrer der Führerscheinklasse 2. Nach kurzer Zeit hatte ich meine eigene, feste Tour und bekam als zweiten Mann Rudi B. zugeteilt. Rudi war ein Supertyp nur noch eine Spur aggressiver und gewalttätiger als ich. Allerdings absolut verlässlich und jedem „krummen“ Ding zugetan. Es gab damals viele Möglichkeiten am Rande der Legalität zu operieren und als alleinverdienender Familienvater musste ich Kohle ranschaffen.
Wie gesagt Rudi war ein Pfundskerl brachte aber auch Gewalt und Brutalität in mein Leben. Das zog sich mittlerweile wie ein roter Faden durch meine Historie, ohne dass ich danach gerufen hätte. Rudi hatte einige Vorstrafen und war zu dieser Zeit Präsident eines Rockerclubs in Dachau. Nette Jungs, die mich gerne als „Gast“ aufnahmen, nur die Festivitäten endeten oft in üblen Auseinandersetzungen mit anderen MCs. Später kam dann aufgrund eines Kennverhältnisses von Rudi und „Joschi“ einer der führenden Zuhälter Münchens und Kunde bei uns, ein lukrativer Nebenjob Freitag und Samstagabend rund um die Animierclubs der Münchner Hauptbahnhof Gegend hinzu. Dabei war eine klare, unmissverständliche Ansprache und häufig aus dem Bauch heraus gefragt.

Wer jetzt denkt, dass mein Leben überwiegend von Aggressivität geprägt war, liegt falsch. Als Gegenpool hatte ich „normale“ Freunde und eine Familie, mit einer zwar etwas antriebsarmen Ehefrau, aber Kinder welche für einen herrlichen Ausgleich sorgten. Zusätzlich wechselte ich im Mai 1984 zum Bundesnachrichtendienst (BND). Dort verbrachte ich die ersten Jahre in eher unspektakulären Verwendungen.
Doch dann kam die Scheidung und wieder wurde ich ziemlich hart belehrt, dass man niemanden trauen kann. Ob aus eigenem Antrieb heraus und durch Beratung ging es -entgegen der vorherigen Absprachen- letztlich nur um Versorgung und dafür wurde sogar eine Entfremdung der Kinder in Kauf genommen. Damals war es nahezu unmöglich das Sorgerecht gegen die Mutter zu erhalten. Es war eine schmutzige, schmerzhafte Angelegenheit. Ein Jahr später rund um Weihnachten, als der Stress erneut aufflammte, erlitt ich einen Herzstillstand. Meine zweite Wiederbelebung dauerte dieses Mal etwas länger, nämlich 45 Minuten. Was da in meinem Kopf und in den folgenden 7 Tagen in meinem Kopf abging, kann ich nicht sagen. Ich hatte schlichtweg kein Kurzzeitgedächtnis. Somit sind mir auch keinerlei mystische Erlebnisse während meiner Nahtoderfahrung bewusst.
Dieser Unfall verursachte eine massive Wesensänderung dahingehend, dass ich seither viel bewusster, aber auch risikoreicher lebe. Durch die Nahtoderfahrung verlor ich die Angst vor dem Tod, nicht jedoch vor dem Sterben. Jedenfalls entwickelte ich mich in meinem Rahmen immer mehr in Richtung Hedonisten und führte das für mich gültige Motto „I don’t care, I don’t give a damn“ ein. Zudem hatte ich damals eine Freundin, spätere Ehefrau und heutige Ex-Frau die das alles mittrug und genauso genoss.
Ein drastischer Einschnitt erfolgte als beide einen Arbeitsplatzwechsel innerhalb der Organisation vornahmen. Letztendlich vernichtete diese Tätigkeit (von beiden) jegliches Privatleben, zudem ich noch nebenbei -u.a. für einen ziemlich durchtriebenen, aber prominenten Rechtsanwalt- Tätigkeiten ausübte. Zuerst war ich in einer der geheimsten Operationen beteiligt, die auf höchster politischer Ebene international für hohes Ansehen sorgte. Dennoch war es belastend. Denn die 3 Leute aus unserem Referat die damit befasst waren, wurden extra vergattert (zur erhöhten Verschwiegenheit verpflichtet) und durften nicht mit Kollegen darüber sprechen und mussten diesen auch den Zutritt zu den (Gemeinschafts)Räumen untersagen. Es handelte sich um eine internationale Operation im Zusammenhang mit den Balkankriegen und ich erfuhr vor Ort von Ereignissen, die man als gewöhnlicher Mensch nicht wissen möchte.

Im Anschluss erhielt ich einen nicht minder gefährlichen Auftrag. Ich sollte während des Konflikts zwischen der UCK -politische Sprachregelung: Freiheitskämpfer, realistisch: Terroristen-in Mazedonien und den dortigen Geheimdiensten auf Leitungsebene Informationen beschaffen. Yooo das hatte was und es ist schon sehr erstaunlich, dass ich das unversehrt überstanden habe. Es waren jedenfalls die brutalsten und grausamsten 4 Monate in meinem Leben, die ich bisher erleben durfte. Als Dank nach meiner Rückkehr wurde mir eine zu starke Affinität zur UCK vorgeworfen. Yep hoch sollen sie leben, die Sesselpfurzer dieser Welt.

Ich habe viele Ereignisse -besonders gesundheitlicher Art- nicht aufgeführt. Auch meine zweite Scheidung, mein Leben in der Berliner Halbwelt, speziell im afrikanischen Bereich, mein Prozess gegen meinen Ex-Arbeitgeber, meinen Krebs im vorletzten Stadium u.v.m, all das würde nichts Neues ergeben. Alles was ich darlegte führt mich zu folgendem
Fazit:
Yusuf Islam: „All kinds of people make up my life“ oder auch Søren Kierkegaard: “Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, leben muss man es aber vorwärts“. Soll heißen, dass mich das Leben zu dem machte, was ich bin. Ob meine Reaktionen, mein Handeln, meine Worte jemanden gefallen oder nicht, das ist nicht mein Problem. Wer sich in meiner Nähe nicht wohlfühlt, muss halt fernbleiben. Sicher ärgere ich mich manchmal über mich und meine Aktivitäten, doch letztendlich ist es besser eine falsche Entscheidung zu treffen als gar keine. Zögern und Zaudern ist nicht mein Ding und deshalb bleibe ich dabei: Ich bin ich und ich bin okay! Solange mir das Leben soviel Spaß macht wie jetzt, wäre ich dämlich auch nur das Geringste zu ändern.
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